Wenn der Wobbler wackelt

Angeln an der Nidda ist für Christian Haltenberger eine Passion. Er und seine Kameraden vom Fischereiverein sehen sich aber auch als Naturschützer.

 
 
 

Morgens um neun hat die Forelle keine Lust mehr zu beißen, deshalb sind Angler meist sehr früh dran. Das funktioniert für Christian Haltenberger aber nur am Wochenende, denn wochentags muss der Ingenieur und Prokurist eines großen Filterherstellers ebenfalls früh zur Arbeit. Deshalb ist er an diesem sehr heißen Tag abends nach der Arbeit zum Angeln gekommen. Das Wort „Hobby“ für ihre Tätigkeit hören viele Angler nicht sehr gerne, das sei eher „eine Passion“, sagt Haltenberger mit leichter bayerischer Sprachfärbung. Seit sieben Jahren lebt er im Rhein-Main-Gebiet.

Schon als Kind hat ihn sein Vater in Bayern zum Angeln mitgenommen, heute ist er Vorsitzender des Frankfurter Fischereivereins von 1875. Nur in Berlin gebe es einen Anglerverein, der ein paar Jahre älter sei, erläutert Haltenberger, während er in einer von zwei dunkelgrünen Anglertaschen kramt und ein paar flache, rechteckige Dosen hervorholt. Sie sehen aus, als könne man darin im Gefrierfach Eiswürfel produzieren.

Künstlicher Köder

Aus den unendlich vielen Metallfischchen in den Dosen wählt er einen aus, den er an der Angelschnur befestigt. Dieser japanische Wobbler, ein künstlicher Köder, dessen wackelnde Bewegung im Wasser Fische anlockt, hat nur zwei kleine Haken, während andere der wie Juwelen in der Sonne glitzernden Fischchen gleich drei Dreizacke mit Widerhaken am Bauch haben. Die möchte man als Fisch nicht im Maul haben.

In Harheim geht es ein paar Meter entlang des Eschbachs zu dessen Mündung in die Nidda. Alles, was Haltenberger zum Angeln benötigt, trägt er am Körper. „Ich bin da Minimalist, Karpfenangler müssen erst einmal kiloweise Futter mitschleppen, damit sie die Fische anlocken.“ Drei Stunden Vorbereitung für zwei Stunden Angelvergnügen, so viel Zeit hat er heute nicht. Also tun es die Glitzerfischchen für die Spinnangel aus seiner stattlichen Sammlung. „Man hat davon nie genug, das ist wie bei Frauen mit Schmuck“, sagt er und grinst.

Wegen des heißen Sommers liegt der Wasserstand von Eschbach und Nidda rund 20 Zentimeter unter dem Normalpegel, wie man an den Gabionen sieht, die einen Teil des Ufers befestigen. Es geht nun steil hinab durch eigentlich kniehohes, vertrocknetes Gras und doppelt so hohe Brennnesseln, doch ein schmaler Pfad ist schon niedergetrampelt.

Nicht nur Angler lieben diese Ecke, sondern auch Hundebesitzer, die an diesem heißen Sommerabend gleich mit ihren Vierbeinern ins kühle Nass steigen. Die Angst vor multiresistenten Bakterien, die vor zwei Jahren umging, als ein Mann einige hundert Meter weiter oben in den Eschbach gefallen und später gestorben war, scheint vergessen. Bei ihm entdeckten Mikrobiologen einen Stamm des Erregers Klebsiella pneumoniae, der gegen alle vorhandenen Antibiotika und das Reservemittel Colistin resistent ist. Fisch aus dem Eschbach und der Nidda isst Haltenberger trotzdem.

Angler als Naturschützer

Die Mitglieder des Fischereivereins messen immer wieder Sauerstoffgehalt und pH-Wert des Wassers. „Wir sind ja hauptsächlich ein Naturschutzverein“, sagt der Vorsitzende. Regelmäßig veranstalten die Mitglieder auch Reinigungsaktionen an der Nidda. Unverständlich ist für Haltenberger, dass weder am Bad Homburger Krankenhaus noch an der Kläranlage in Ober-Eschbach bessere Filter angebracht werden, die die Einleitung von multiresistenten Keimen verhindern. In München werde die Isar so sauber gehalten. Die Keime waren bei Messungen in Gewässern rund um Frankfurt allerdings auch dort nachgewiesen worden, wo weder ein Krankenhaus noch eine Kläranlage Wasser einleiten.

Schätzungen über die Zahl der Angler in Deutschland gehen weit auseinander. 1,7 Millionen Aktive sollen es sein, inklusive der nicht in Vereinen organisierten seien es bestimmt sogar fast zehn Millionen, schätzt Haltenberger. Nach Fußball ist Angeln der am stärksten verbreitete Sport.

Der Frankfurter Fischereiverein besitzt eine kleine Hütte als Vereinsheim an einem Weiher in Bad Homburg-Dornholzhausen, der zur Kaiserzeit ein Truppenübungsplatz zu Wasser war, später ein Natur-Schwimmbad. Angelrechte haben die Vereinsmitglieder dort und in vier weiteren Teichen im Taunus und der Wetterau sowie an verschiedenen Abschnitten der Nidda und ihres größten Nebenflusses, der Nidder, an einer Strecke am Eschbach, am Seemenbach und an einem Altarm der Nidda. Weißfische, Karpfen, Schleien, Aale, Zander, Barsche, Hechte und Forellen finden sich dort.

Natur in der Großstadt Frankfurt

Zarte Ringe an der Wasseroberfläche zeigen, dass hier etliche Fische unterwegs sind. Doch beißen will heute keiner. Döbel hat Haltenberger hier schon gefangen, auch Hechte und Forellen, Barben und Nasen. Einen 1,30 Meter großen Hecht habe ein Vereinskollege ein wenig weiter unten aus der Nidda gezogen. In den Eschbach setzt der Verein Fische ein, nicht aber in die Nidda.

An dem kleinen Fluss sei es einfach unglaublich schön, findet Haltenberger. Wenn er Fotos von sich beim Angeln verschicke, glaube ihm niemand, dass die Motive in der Großstadt Frankfurt aufgenommen seien. Am Main hatte sein Verein einst auch einmal Angelrechte, heute nicht mehr. Man kann dort Tagesrechte von den Zünften erwerben. Allein an der Nidda sind 21 Vereine aktiv.

Wer Mitglied in einem Angelverein wird, lernt deutsche Gründlichkeit: Auf der Homepage des Vereins kann man sich über alle nötigen Prüfungen, Erlaubnisscheine, Pflichten und Rechte informieren. Wer einem Verein angeschlossen ist, kann an dessen Gewässern so oft angeln, wie er möchte, naturschutzbedingte Ausnahmen legt der Verein fest. Für Vielangler lohnt sich die Mitgliedschaft auch finanziell, denn sonst müsste man jedes Mal einen Tagespass erwerben.

Unter den 530 Mitgliedern des Fischereivereins sind nur wenige Frauen. „Das liegt wohl an dem uralten Jagdinstinkt der Männer, obwohl Frauen ja eigentlich mehr Geduld mitbringen“, sagt Haltenberger lachend. Warum er angelt? „Der eine braucht einen Hund, um spazieren zu gehen, ich brauche halt eine Angel.“