Fische retten in Saale und Orla – mit Bagger und Kieshäufchen

Bevor der Bagger kommt, werden die Fische aus dem Wasser gezogen.

 
 
 

In Saale und Orla nahe Orlamünde wird derzeit fleißig gebaggert. Denn was dort für Spaziergänger und Radfahrer aussieht wie eine beschauliche Flusslandschaft, ist nach Ansicht des Thüringer Verbandes für Angeln und Naturschutz eigentlich eine Katastrophe. Der Boden unterm Fluss, der ist viel zu fest. Der Angelverband will nun nachhelfen und testet an einigen Stellen, wie die Flüsse wieder belebt werden können.

Ein 15-Tonnen-Bagger rumpelt in die Saale und wühlt sich mühsam durch den Saalegrund. Es rumst und kracht, als der Grabenlöffel in das Flussbett schlägt. Baggerfahrer Karsten Schmidt vom Verband für Angeln und Naturschutz Thüringen (VANT) hatte sich das eigentlich ganz leicht vorgestellt: „Wir sind mit der Baumaschine angerückt und waren frohen Mutes, den Kies schnell auflockern und auswaschen zu können. Aber es ist gar nicht möglich. Wir mussten den Löffel tauschen, weil wir es nicht geschafft haben, mit diesem 15-Tonnen-Bagger überhaupt die Sole aufzulockern.“

Nun wird sozusagen mit dem stabilen Teelöffel statt mit der Suppenkelle geschaufelt und die Flusssole aufgelockert. Viel Arbeit für die ehrenamtlichen Helfer, aber sie sagen: Angeln ist mehr als Fische aus dem Wasser ziehen. Vor dem Baggern müssen aber tatsächlich erst einmal Fische aus dem Wasser gezogen werden: Mit einem Elektrokescher, normalen Keschern und Transportbötchen kämpft sich die mobile Einsatztruppe „Wathose“ durch die Saale. Mit kleinen elektrischen Schlägen werden die Fische betäubt, eingesammelt – und ein Stück entfernt vom Bauplatz wieder ausgesetzt.

Eigentlich müsste der Fluss munter vor sich hinplätschern

Problematisch ist, dass Flüsse und Bäche immer mehr begradigt wurden und nicht mehr mäandern können. Es gibt also keine unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten, sodass an einer Stelle Sediment abgelagert und an anderer fortgespült wird. Stattdessen setzt das Sediment den durchlässigen Untergrund zu – zwischen Grundwasser und fließender Welle gibt es keinen Austausch mehr und somit ist kein sauerstoffhaltiges Wasser mehr im Kieselsystem.

Auch natürliche Flussauen sind kaum noch vorhanden, die bei Überschwemmungen die Sedimente abfangen könnten. Außerdem verhindern beispielsweise Talsperren, dass Steine die Flüsse hinabgespült werden. Die Saale wurde früher sogar ausgekiest. Und so gibt es in nahezu allen Flüssen das gleiche Problem: Die Gewässersole ist zu fest.

Verbandsmitglied Daniel Anske aus Langenorla stochert probehalber mit der Mistgabel im Flussboden rum – mit viel Mühe kriegt er ein paar Steinchen locker. Still und träge fließt die Saale bei Freienorla dahin, dabei müsste der Fluss eigentlich munter vor sich hin plätschern. Nun hilft eben der Angelverband nach.

„Wir bereiten einen Laichplatz vor für die Bachforelle, die jetzt über den Winter ihre Eier im lockeren Kies ablegt. Und wir simulieren ein Hochwasser. Denn eine richtige Hochwasserwelle, da würde eine Dynamik im Gewässer entstehen, die im Prinzip den Kies wieder auflockern lässt“, erklärt Verbandspräsident Schmidt. In Bayern seien ähnliche Projekte schon erfolgreich gewesen.

Dicker Schlamm nimmt Tieren den Sauerstoff

In den kleinen Untiefen und Verwirbelungen, die nach dem Gebagger im Fluss entstehen, fühlen sich die Fische wohl und können Nahrung suchen. Doch nicht nur das: 80 Prozent der Flussfische sind auf ein intaktes Kieselbett angewiesen. Amphibien und Fische benötigen bis zu 70 Zentimeter lockere Steine im Flussbett, um ihre Eier abzulegen.

Weil es das vielerorts nicht mehr gibt, konnten die Angler in der Saale gerade mal vier Fischarten wie Quappe oder Forelle finden. Auch kleine Zuflüsse sind häufig fast tot, weil dort dicker Schlamm Tieren den Sauerstoff nimmt. In den Bächen müsste es festen und lockeren Kies geben – doch als Schmidt beherzt ins Wasser greift, hat er einen eklig klebrigen und riechenden Matschhaufen in der Hand. „Der Bach ist zugesetzt. In diesem Schlamm, der sich in jede Pore setzt, kann kein Lebewesen, auch kein wirbelloses Lebewesen, überhaupt existieren, denn alle sind an sauerstoffreiches Wasser gebunden.“

Angler wollen Behörden durch wissenschaftliche Arbeit überzeugen

In der Orla hat der Verband schon im vergangenen Jahr den Boden aufgelockert. Derzeit werden dort mehr als 120 Tonnen Kies aufgeschüttet, schön hübsch verteilt in mehreren Häufchen auf ein paar hundert Metern. Der VANT will prüfen, wie schnell sich der Kies wohin verteilt. Erste Erfolge gibt es schon: 23 Fischarten konnten die Angler nach eigenen Angaben nachweisen, darunter das Neunauge oder die Nase.

Bei Behörden treffen die scheinbar rabiaten Methoden mit Bagger und Steinhaufen auf wenig Gegenliebe und so bekommt Stephan Tiesler (CDU) regelmäßig einen Anruf von Karsten Schmidt. Der dritte Beigeordnete im Saale-Holzland-Kreis sitzt seit gut fünf Jahren im Umweltausschuss des Kreistags. „Es ist was Neues und die Behörden sind, wenn es um neue Dinge geht, nicht immer ganz so flexibel. Man hat sich über die letzten Jahrzehnte keine Gedanken gemacht.

Und jetzt ist halt einer da, der das aktiv angeht, der das wissenschaftlich auch bisschen fundiert hat“, sagt Tiesler. Schmidt grinst – er weiß, dass er die Behörden nervt. Er will mit der Arbeit an Saale und Orla Präzedenzfälle schaffen und zeigen: Mit relativ wenig Aufwand kann viel erreicht werden. In mühsamer Kleinarbeit zählen die Angler immer wieder die Fischarten und die Zahl der Fische aus und wollen so die Behörden durch wissenschaftliche Arbeit überzeugen.