Wenn Angler zu Youtube-Stars werden

Wenn Angler zu Youtube-Stars werden

 
 
 

Wer an Angeln denkt, hat schnell die Vorstellung von alten Menschen vor Augen, die in schmutzigen Klamotten schweigend am Gewässer sitzen. Dieses Klischee ist seit einigen Jahren überholt – der Fischereisport gilt mittlerweile als Lifestyle.

Freitagnachmittag, Messe Berlin, Halle 6.2: Kinderaugen beginnen zu leuchten, als eine kleine Gruppe den Szenestar Daniel Andriani am hechtundbarsch.de [Youtube, externer Link]-Stand entdeckt. Schnell sind Autogrammwünsche formuliert, Selfies geschossen und Sticker eingesackt. Schräg gegenüber am Oderspreeangler [Youtube, externer Link] (OSA)-Stand kaufen sich Petrijünger Mützen und Shirts mit dem OSA-Logo. Dazu ein freundlicher Smalltalk mit Chris und Jimmy am Stand.

Es wird immer größer, lauter und bunter

Wer am Wochenende in den drei Hallen der Angelwelt Berlin unterwegs ist, bemerkt schnell, dass es beim Hobbyfischen längst nicht mehr um den Fang selber geht. „Das ramponierte Image von Angeln ist längst passé,“ sagt auch Felix Steinacker, Projektmanager der Angelwelt und Angelboot Berlin. Der 37-Jährige verantwortet seit 2011 den jährlichen Angelszenentreff in der Hauptstadt und hat eine enorme Entwicklung festgestellt. „Damals hatten wir kein Rahmenprogramm, keine Social-Media-Stars und seit 2015 zieht es enorm an, wird immer größer, lauter und bunter.“

Bis zu 15.000 Besucher kamen im letzten Jahr zur Angelmesse Berlin, dieses Jahr können sich die interessierten Petrijünger erstmals auf 10.000 Quadratmetern, aufgeteilt auf drei Hallen, über alles informieren und austauschen, was mit Angeln zu tun hat. „Es geht von Ködern und Ruten über Angelreisen, Expertentipps und Ausprobieren bis hin zu coolen Klamotten“, berichtet Steinacker.

Das Merchandising boomt

Einer der über 150 Aussteller ist Christopher Mietzner – besser bekannt als Oderspreeangler. Der 33-jährige Brandenburger aus Frankfurt (Oder) gehört mit zu den Angel-Youtube-Pionieren und gründete 2013 seinen eigenen Channel. Mittlerweile hat der OSA über 42.000 Abonnenten auf Youtube, bringt jede Woche ein neues Video heraus und bietet auf der Messe auch eigene Shirts und Caps an. „Was früher die Angelmagazine waren, sind jetzt die Youtube-Channels. Das boomt geradezu,“ sagt Mietzner. Mittlerweile trägt sogar die alte Anglergeneration Hoodies und Caps. Das Merchandising und richtige Angel-Klamottenmarken hätten sich stark etabliert. „Mittlerweile gibt es sogar Fischplüschtiere oder Köder weit über 100 Euro zu kaufen.“

Neben Chris am OSA-Stand steht Jimmy Gläßer [Youtube, externer Link]. Die beiden haben sich in Frankfurt (Oder) vor vier Jahren im Angelladen „Kosterra“ zufällig getroffen – und dann kam eins zum anderen. „Bei den ersten Videos war ich noch recht schüchtern, aber mittlerweile macht es mir Spaß, den Leuten etwas Angel-Know-How zu vermitteln“, erzählt Jimmy über seine Anfänge als Angel-Youtuber.

Ein paar Köder durch die Spree leiern

Eine große Marke ist jetzt auf ihn aufmerksam geworden und hat dem 27-jährigen Raubfischangler ermöglicht, seinen eigenen Youtube-Kanal zu betreiben. „Nach anderthalb Monaten habe ich schon über 4.000 Abos – kein schlechter Start“, freut sich der Wels-Spezialist. An ein Ende denkt Jimmy Gläßer nicht nach. „Das wird nicht so schnell vorbei gehen“, prophezeit er.

Für beide – Chris und Jimmy – zählt vor allem das Abschalten in der Natur zum Angelerlebnis dazu, nicht nur der Fangerfolg. Da bietet das Land Brandenburg viele Hotspots und auch noch unentdeckte Möglichkeiten. Wer jetzt denkt, dass daher Berlin eher ungeeignet fürs Fische fangen ist, liegt weit daneben. „Die Streetfishing-Szene in Berlin wächst extrem“, sagt Felix Steinacker von der Angelwelt. Mit den Kumpels schnell nach der Arbeit am Kupfergraben verabreden und dann noch ein paar Köder durch die Spree leiern. Das hat auch Daniel Andriani von hechtudbarsch.de bemerkt. Der 38-jährige Turnierangler sieht im Fischen auch einen Ausgleich zur technisierten Digitalwelt. „Einfach mit deinen Freunden abchillen und sich über die neuesten Trends und Köder unterhalten.“ Und natürlich ans Wasser gehen.

Trotzdem cool aussehen

Daniel kommt ursprünglich aus Zimbabwe und hat als Profigolfer sein Glück versucht. Richtig erfolgreich startete er aber als Mitbegründer der Firma hechtundbarsch.de durch. Dort bietet er auch Angel-Klamotten an. „Wenn du angelst, möchtest du ja trotzdem gut und cool aussehen. Oder wenn du woanders bist, auch zeigen, dass du Angler bist.“ Dreckige Gummistiefel und zwei stumme Opas am Wasser, die sich anschweigen, passt also gar nicht mehr als Bild in die moderne Angelwelt 2019.