Corona lockt viele Angler hinaus in die Einsamkeit

Angler Björn Molketin hofft am Starkholzbacher See auf den Fang eines Hechtes oder Zanders.
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Abschalten, rauskommen und die Natur genießen: Das Hobby ist derzeit beliebt und erlaubt. Doch der gesellige Alltag des Fischzuchtvereins liegt auf Eis.

„Wir haben gemerkt, dass wir seit April mehr Gastkarten verkaufen als sonst“, erzählt Michael Stemmler. Der erste Vorsitzende des Fischzuchtvereins in Schwäbisch Hall ergänzt: „Die Leute sind wegen der Pandemie und durch Kurzarbeit viel mehr zu Hause und haben mehr Freizeit. Viele andere Hobbys fallen flach. Dazu war das Wetter einfach top für Aktivitäten draußen.“

Doch nicht nur mehr Gastkarten für das Gewässerstück vom Stausee im Haller Stadtteil Steinbach bis zum Wehr beim Hotel Hohenlohe wurden ausgegeben. „Auch einige unserer Leute sind momentan häufiger draußen“, weiß Stemmler. Forellen, Hechte, Karpfen, Zander, Aale, Welse, Rotfedern und Rotaugen könne man in den Gewässern des Vereins fangen.

Die Zahl der Entnahmen sei ebenso wie die Schonzeit streng geregelt. Jedes Anglerglück müsse im Fangbuch verzeichnet werden. Dieses werde in Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium jährlich ausgewertet. Vereinsmitglieder befischen weitere Teilstücke des Kochers, der Rot, der Bühler sowie den Breiteich- und Starkholzbacher See. „Im vergangenen Jahr hat ein Kollege einen Hecht gefangen, der über 1,20 Meter lang war“, erzählt Stemmler von einem seltenen Rekord.

Seit 30 Jahren Mitglied im Verein

Am frühen Dienstagabend steht Björn Molketin am Starkholzbacher See und hofft auf einen Fisch am Köder. „Gefühlt wird momentan wirklich mehr geangelt“, bestätigt auch er den Eindruck des Vorstands. Wobei das für ihn nicht gelte. „Ich bin dreimal wöchentlich draußen. Ob mit oder ohne Corona.“ Während er noch auf einen Freund wartet, lässt er den Blick in die Vergangenheit schweifen. „Ich angle, seitdem ich zwölf bin und bin seit 30 Jahren Mitglied im Fischzuchtverein Hall.“

So lange ist Vorstand Michael Stemmler noch nicht dabei. Erst seit 2006 hat er seinen Fischereischein. „Ich fand das Angeln früher eher langweilig, aber mein Sohn ging immer gern mit dem Opa“, erzählt er. „Mittlerweile gibt es mir Ruhe und Entspannung. Es macht sogar richtig Spaß“, sagt der 48-Jährige. Wer ein „Angelpatent“ erwerben wolle, müsse einen 30-stündigen Lehrgang belegen und darüber eine schriftliche Prüfung ablegen.

„Derzeit sind die Kurse natürlich wegen Corona ausgesetzt und die Termine verschoben“, ergänzt er. Die Fischerprüfung sei Vo­raussetzung, um in Baden-Württemberg überhaupt angeln gehen zu können. Dazu kommen neben den Kosten für den Lehrgang die Ausgaben für die Fischereiabgabe, aber auch für Gastkarten, Fangbuch oder den Mitgliedsbeitrag des Vereins.

„Von uns Aktiven und von der Polizei gibt es immer mal Kontrollen“, berichtet Stemmler. Vor einigen Wochen erst habe man Schwarzangler in Steinbach erwischt. „Das ist oft ein glücklicher Zufall, der zudem von Indizien wie Legeangeln abhängt“, erzählt er. Die Zahl der schwarzen Schafe sei seiner Meinung nach nicht gestiegen. Diesen Eindruck bestätigt auch Bernd Märkle von der Pressestelle der Polizei: „Wir haben nicht mehr Schwarzangler als sonst.“

„Ein Angler sitzt meist für sich und ist froh, wenn er mit keinem groß reden muss“, sagt Stemmler. Dennoch fehle allen das gesellige Vereinsleben, das durch Corona gestoppt wurde. „Es passiert momentan echt recht wenig bei uns“, seufzt der Vorstand. Das Vereinsheim am Breit­eichsee, in dem man sich gern zum Frühschoppen treffe, sei seit Wochen zu. „Auch das gemeinschaftliche Angeln ist abgesagt.“

Über die veränderte Situation habe man alle rund 450 Mitglieder per Rundschreiben informiert. „Das ist so, da müssen wir nun alle durch, und das hat auch jeder verstanden“, unterstreicht Stemmler. Die Vorstandssitzungen, die üblicherweise alle sechs bis acht Wochen stattfänden, liegen auf Eis. „Dringendes besprechen wir derzeit per Mail und Telefon.“

Wirklich traurig sei, dass man vermutlich auch das Fischerfest im Juli absagen müsse. „Das findet seit Jahren großen Anklang bei der Bevölkerung und ist die Haupteinnahmequelle unseres Vereins für Pacht, Unterhalt und Pflege der Gewässer“, seufzt Stemmler.